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Der Stammtisch ist tot, es lebe der Stammtisch!

MUT - Das Magazin zum Einfach Leben - das gastrophilosophische Forum

Jenen Stammtisch, der mir in den Sinn kommt wenn ich an einen Stammtisch denke, gibt es nicht mehr. Das ist der Stammtisch, um den herum sich am Sonntagvormittag alle Männer aus dem Ort zum Frühschoppen trafen, in den Sparverein einzahlten und zwei bis drei Krügerl tranken während wir Kinder uns an den Stollwerk-Zuckerln die Milchzähne ausbissen. Zukunftsforscher Andreas Reiter erklärt, wohin dieser Stammtisch verschwunden ist, und wir werfen mit Josef Westermeier, Geschäftsführer der Privatbrauerei Erdinger Weißbräu, einen Blick nach Bayern, wo diese Tradition nach wie vor gepflegt wird.

Für uns Kinder war es ein Erlebnis, wenn wir den Vater ins Gasthaus begleiten durften. Da war was los, es wurde Karten gespielt, viel gelacht, wir durften auf seinem Schoß Stich ansagen und den Bierschaum kosten. Alle waren willkommen und bis zwölf Uhr mittags herrschte ausgelassene Stimmung. Zwischen Kirche und Mittagessen trafen sich alle scheinbar zufällig beim Wirten – bis der Wirt in Pension ging. Und das ehemalige Wirtshaus zu einem Wohnhaus wurde. So oder so ähnlich erging es vielen Gasthäusern in der Peripherie Niederösterreichs und des Burgenlands. Und mit ihrer Schließung wurde den BewohnerInnen fürs Erste auch ihr Stammtisch genommen.

Es liegt in der Natur des Menschen als soziales Wesen, sich in kleinen Gruppen zu organisieren, zusammenzuleben, zusammenzusitzen. “Ein Stammtisch als Ritual ist ein ganz wichtiger sozialer Kitt, der nicht zu unterschätzen ist”, weiß Zukunftsforscher Andreas Reiter. “Wir leben in sehr flüssigen gesellschaftlichen Systemen, die Formen der Verankerungen brauchen.” Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Verantwortlichkeit füreinander, stärkt eine Gemeinschaft – je stärker die Nachbarschaft miteinander verwoben ist und je verantwortlicher sich die Mitglieder einer Gruppe füreinander fühlen, desto glücklicher und gefestigter ist eine Gesellschaft.

Im Westen Österreichs und in Bayern sind das Ritual, die Tradition des Stammtisches noch lebendig: Da wo die Gasthäuser zum alpinen Ortsbild dazugehören, treffen sich Jung und Alt nach wie vor im Wirtshaus, um über Gott und die Welt zu philosophieren, zu diskutieren und zu politisieren. Der Geschäftsführer der Privatbrauerei Erdinger Weißbräu, Josef Westermeier, sieht im traditionellen Stammtisch so etwas wie “eine gesellschaftliche Zentrale des Austausches”. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte jede Dorfgaststätte genau diese Funktion: Hier wurde neues Leben begossen und altes verabschiedet, dazwischen wurde gefirmt, geheiratet und Geburtstag gefeiert. Hier wurde gemeinsam ferngesehen, Dorftratsch ausgetauscht und Sorgen ausgesprochen – das ganze Leben hat sich hier abgespielt.

Mit den Veränderungen in der Gastronomie veränderte sich auch die Kultur des Miteinanders: Der Stammtisch wurde immer wieder neu erfunden und auf unterschiedlichste Weise neu organisiert. Andreas Reiter: “Das Konzept des Stammtisches wird ausdifferenziert und in viele kleine Formate übertragen, bei denen es aber immer um dasselbe geht: Socialising, Zusammensein, das Gemeinsame stärken.”

Wo es früher eine Ehre war, am Stammtisch neben den Einheimischen und Ortsältesten Platz zu nehmen, geht es auch bei diesen heutigen Ausprägungen oft um Prestige, erklärt Reiter: “Wenn ich heute etwa in ein bestimmtes Lokal gehe, bin ich ein Teil dieses Milieus oder möchte gerne zu der Szene gehören.” Wir holen uns also unseren täglichen Coffee-to-go morgens auf dem Weg zur Arbeit in unserem Stammcafé, wir gehen immer in das gleiche Yoga-Studio, wir verabreden uns in unserer WhatsApp-Gruppe zum wöchentlichen Kochabend und wir freuen uns, wenn wir zu Weihnachten einmal im Jahr alte Freunde aus dem Ausland wieder sehen.

Wir schaffen uns also neue Rituale. “In einer Gesellschaft, die immer in Bewegung ist, ist die Sehnsucht nach Ritualen noch stärker”, sagt der Zukunftsforscher. Der Stammtisch wird also erweitert, indem wir bestimmte Dinge vom Wirtshaus in den virtuellen Raum auslagern. “Man muss sich das so vorstellen: Wir sind alle Nomaden, die ständig von einer Oase zur anderen unterwegs sind. Diese Oase kann eine physische sein – wie ein Gasthaus – oder eine virtuelle – wie eine Facebook-Community.” Für Andreas Reiter eine willkommene Ergänzung – eine Augmented Reality wenn man so will, denn hier sind viel mehr Dinge in allen Richtungen möglich.

Diese zusätzliche Form des Zusammenseins bringt eine ganz neue Qualität der Kommunikation mit sich. In sozialen Netzen sind die Menschen offener, wir haben gelernt in unseren Aussagen viel schneller auf den Punkt zu kommen. Freundschaftsanbahnungen via Direct Message à la “hey Zwinkeremoji ich folge dir schon länger, ich finde deine Arbeit sehr inspirierend, schau mal auf meine Seite Küsschenemoji” sind kaum ins echte Leben übertragbar. Oder Naheverhältnisse zwischen frisch gebackenen Müttern, die auf einer Online-Plattform einen sicheren Hafen für Fragen finden, die sie nicht einmal ihren besten Freundinnen zu stellen trauen. Es herrscht eine sofort hergestellte Intimität – die trotz allem eine echte Verbindung vermissen lässt. Der echte soziale Austausch und der direkte menschliche Kontakt werden nicht ersetzt werden können, so Andreas Reiter: “Dieses Zusammensein ist heute und morgen genauso wichtig wie vor 5000 Jahren.“

Was uns zurück zum Stammtisch bringt. Er ist vielleicht nicht mehr das, was wir in unseren Kindheitserinnerungen abgespeichert haben. Aber der Stammtisch stirbt nicht. Ganz im Gegenteil. “Solange es Menschen gibt, die Geselligkeit lieben und sich gerne unterhalten, sehe ich den Stammtisch nicht in Gefahr”, sagt Josef Westermeier. “Er verändert sich, und vielleicht kann er sogar wieder eine Renaissance erleben.”

Der Stammtisch ist heute genauso beweglich wie unsere Gesellschaft. Er ist flexibler geworden. An manchen Orten weiblicher, multikultureller und themenspezifischer. Und an anderen noch genauso männlich, alt und bierselig wie immer. Das “Wo” eines Stammtisches ist gleichgültiger geworden – es ist ganz egal, ob man sich im Gasthaus, im Pop-up-Lokal oder auf WhatsApp trifft. Der Stammtisch lebt nicht mehr von dem “Tisch” um den herum alles passiert. Allen Stammtischen ist ähnlich, dass sie organisierter geworden sind. Und dass sie, noch immer, von Menschen am Leben erhalten werden – Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Nähe, nach Austausch von Wissen und Gefühlen. Ein Grundbedürfnis, das bleibt.

Kurzbio
Andreas Reiter: Andreas Reiter leitet das von ihm gegründete ZTB Zukunftsbüro. Er berät Unternehmen, Destinationen und den öffentlichen Sektor in strategischen Zukunftsfragen.

Josef Westermeier: Josef Westermeier ist Geschäftsführer der Privatbrauerei Erdinger Weißbräu und seit mehr als 30 Jahren im bayrischen Unternehmen tätig.

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Foto: Ian Ehm // friendship.is